wolf (CPD)

 

Bündisches Singen im Zeitalter der Mediengesellschaft

 

Schon seit längerer Zeit beklagen vor allem unsere Älteren einen zunehmenden Trend der Annäherung, je teilweise schon der Anpassung der einstmals bündisch geprägten Gruppen an die Gesellschaft. Der Einfluss gesellschaftlicher Trends verändert unserer Gruppen, teilweise sind diese Gruppen auch von ihrem Selbstverständnis her kaum noch als bündisch zu bezeichnen, ja, sie selbst wollen auch gar nicht mehr bündisch sein. Gleichwohl treten diese auf den überbündischen Singewettstreiten auf und verändern damit die (einstmals) bündische Szene. Wir sollten den Versuch machen uns dieser Veränderung entgegen zu stemmen.

 

Im Audimax: Eine Sängerin nebst zweier Backgroundgruppen steht auf der Bühne, laut dröhnt der Rhythmus und die Musik von Madonna durch das Audimax. Der Gesang schräg und fast unverständlich, die Sängergruppen versuchen es mit Geschrei. Alle stellen sich beifallheischend im Gehabe heute üblicher Shows dar, obszön bis peinlich als Star. Beifall während der Darbietung – zum Ende tobt das Audimax. Nach einer ähnlichen Zugabe verlassen die Schülerinnen stolz und überglücklich die Bühne.

Die Nachfolgegruppe wählt dezent leise Musik, es kommt ihr auf die Ausdrucksfähigkeit der Tanz-Darbietung an. Eindrucksvoll die selber entwickelte Choreographie und die perfekte Umsetzung. Der Saal leert sich während der Vorführung, anzügliche und abwertende Rufe werden Richtung Bühne geschleudert. Vereinzelter Beifall derjenigen, die um die Leistung und die zeitaufwändige Einstudierung wissen.

Der künstlerische Leiter versicherte später, dass dies die beste und wertvollste Darbietung des Tages gewesen sei. Die Schülerinnen verlassen völlig demotiviert und enttäuscht die Bühne. Bei dieser Veranstaltung der Hamburger Schulbehörde waren die teilnehmenden Schulen aufgefordert, möglichst selbst gestaltete, qualitativ hochwertige Beiträge aus dem musisch-darstellerischen Bereich zur Aufführung zu bringen. Wie schwer dürfte es der Leiterin der Tanz-AG fallen, ihre Schülerinnen für eine nächste Aufführung zu motivieren!

 

Anforderungen werden an die Gruppen von Wettbewerben auf einer Bühne von vielen Seiten gestellt:

Ersten:  Der Veranstalter: Die Gruppen müssen sich den Teilnahmebedingungen des Veranstalters stellen: Liedauswahl, Dauer der Darbietung, Zusammensetzung der Gruppe, u.a.. Damit versucht der Veranstalter zweierlei:

Vordergründig sollen vergleichbare Wettbewerbbedingungen hergestellt werden; wer nicht in dieses Raster passt wird durch Nichtzulassung gar nicht erst zu diesem Wettbewerb vorgelassen. Damit sollen unfaire Situationen (wie etwa: ein erfahrener Chor singt in der gleichen Kategorie wie eine junge Gruppe) vermieden werden: in der Zusammensetzung der Singegruppe und in der Stückauswahl.

Hintergründig und viel bedeutender legt der Veranstalter damit auch fest, welche Art der Darbietung er für diese Veranstaltung zulässt: Musik, Tanz oder Schauspiel etwa. Die Bedingungen der großen überbündischen Singewettstreite  reichen jedoch viel weiter: Sie legen auch fest, was sie unter bündischen Singen einer Fahrtengruppe, eines Stammes oder eines Singekreises verstehen. Teilweise formulieren sie dies so offen (in der Angst, mit einer engeren Formulierung einige Singegruppen von vornherein auszuschließen), dass eigentlich jede Form einer musikalischen Darbietung möglich ist. Beides definiert in gewisser Weise, was bündisches Singen ist und damit definiert sie es zumindest ein Stück weit innerhalb der bündischen Szene. Zudem wird der (wenn auch begrenzten) Öffentlichkeit dieses dann als bündisches Singen vorgestellt bzw. präsentiert.

Damit sind Veranstalter von überbündischen Singewettstreiten in einem Dilemma: einerseits möchten sie sich nicht anmaßen die Definition für bündisches Singen vorzunehmen und dafür eine engere Fassung zu wählen, andererseits möchten sie aber auch nicht eine weite Fassung und damit jedes beliebige Nachsingen eines aktuellen Popsongs. Die sogenannte bündische Szene ist ein wenig bis gar nicht strukturiertes Gebilde, in dem vieles möglich ist und nur ganz weniges, etwas sehr extremes, durch die bündischen Medien angeprangert wird. Dieses wäre damit aus dem bündischen Bereich nicht verschwunden, die Ränder der bündischen Szene sind derart unklar und unscharf, dass dort alles per Selbstproklamation dazu gehört. Von allen anerkannte und auch beachtetet Instanzen und Zuständigkeiten gibt es nicht; es gibt (nur) Einrichtungen, Projekte und einzelne Personen, die eine gewisse kleine oder auch größere Beachtung genießen und damit einen entsprechenden Einfluss haben. Jedoch ist dieses alles informell.

Zweitens:  Das Publikum: Die Singegruppen müssen sich dem Publikum stellen. Dies tun sie nach meist längeren hin und her, in dem die Sänger einer Singegruppe (und eher selten der Singegruppenleiter alleine) ihre Darbietung überlegen, planen, verwerfen und erneut projektieren. Die Erfahrungen, die sie dabei einbringen, stammen zu sehr großen Teilen aus dem Fernsehen, Live-Events aus dem Showbereich und dem Kinofilm, und nur zu sehr geringen Maße von Bühnenvorführungen (Theater, Musik) oder gar von bündischen Vorführungen (woher auch immer). So verfallen die Singegruppen in den letzten Jahren zunehmend der allgemeinen medialen Trend des Klamauks, des Banalen und der Selbstdarstellung.

Das Publikum (meist eher Zuschauer – eigentlich sollten bei einem Singewettstreit Zuhörer anwesend sein – alle sind mehr auf optische Reize gepolt und sind intensiveres Zuhören auch gar nicht mehr gewohnt) setzt sich vorwiegend aus zwei Gruppen zusammen: Es sind die Bündischen anwesend (in Gruppen oder auch Einzeln) und es sind die Gäste (Eltern, Verwandte, Bekannte) der Singegruppen. Von der ersten Gruppe könnte oder sollte man erwarten können, dass sie wissen, was sie auf einem Singewettstreit erwartet. Sie sind auch die eigentlichen „Wissenden“, die als Publikum um die Qualität eines Beitrages wissen oder diesen zumindest erahnen sollten. Dies kann von den Gästen nicht erwartet werden – sie bedürfen einer fachkundigen Einstimmung durch den Veranstalter, so dass sie den Wert, die Qualität und den Stil des bündischen Singens vielleicht erahnen, aber zumindest etwas nachempfinden können.

Drittens:  Die Jury: Die Singegruppen müssen sich den geschulten Ohren der Jury stelle. Die Sänger und auch die Leiter der Singegruppen dürfen mit Recht erwarten, dass sich der Veranstalter insbesondere um eine qualifizierte Jury bemüht hat. Die Singegruppen habe sich z.T. wochenlang auf ihren Treffen auf ihre Darbietung vorbereitet. Die Platzierung und auch die Festlegung der Sieger muss durch fundierte Kenntnisse der Juroren zustande kommen. Es darf allgemein erwartet werden, dass Juroren sich nur aus den Kreis der besten (ehemaligen) Singegruppenleiter finden lassen oder dass sie eine musikalische Ausbildung (Studium, Chorleiter,...) genossen haben. Wenn Juroren (nur) vergleichbare Qualifikationen haben, wie sie die gemeinen bündischen Zuhörer haben oder wenn sie gar aufgrund der Bekanntheit in bündischen Kreisen zu Juroren berufen werden, so ist dies kein Aushängeschild eine Singewettstreit.

Sänger dürfen also erwarten, dass die Jury aufgrund der Teilnahmebedingungen und der Beurteilung der musikalischen Leistung einer Singegruppe ihre Bewertung abgibt. Der Beurteilungsbogen, der der Jury als Arbeitsgrundlage dient, sollte auch den Leitern der Singegruppen vorliegen, so dass die Sänger die Grundlage der Bewertung kennen. Auf einem Singewettstreit darf also erwartet werden, dass der mehrstimmige Gesang, die Sauberkeit der Stimmen, die Aussprache, die Betonung, die Qualitäten einzelner Sänger sowie der Singegruppe insgesamt (u.ä.) und die Stimmigkeit der Instrumentierung beachtet und bewertet werden – und nicht eine optische Darbietung!

 

Bündisches Singen ist es, das ich in meinem Beitrag hier wieder einfordere! Doch was ist das eigentlich? Man spricht gerne der bündischen Szene (bündische Jugend mag ich es hier gar nicht nennen) einen gewissen Grundkonsens zu. Schlagworte dazu könnten sein: Leben in der kleinen Gruppe, Fahrt und Lager, Abenteuer, einfaches Leben, selbstbestimmtes und selbstgestaltetes Leben, Kohten und Jurten, Feuer als verbindendes Element, ... Doch dieser Grundkonsens zeigt keine große Einigkeit aus. Z.B. die Fahrt: Was ist eine Fahrt? Das Wochenende unterwegs? Darf ich mit dem Auto fahren? ... im Haus oder nur in der Kohte? Ab wann ist eine Fahrt eine Großfahrt? Beispiel „einfaches Leben“: Auf was muss ich alles verzichten? Auf den Gaskocher, das Auto, das Handy, auf Alkohol und Nikotin, muss ich ein  Kochgeschirr mitnehmen oder darf es auch ein Plastikteller sein?

Alle Einzelheiten eines möglichen Grundkonsenses leben die einzelnen bündischen Gruppen anders; Einigkeit besteht in der Einfachheit, im Detail bestehen dann erhebliche Differenzen (und so ist die Zerrissenheit der bündischen Szene in eine Vielzahl von Gruppen, Kleinstbünden und Bünden bei der deutschen Gründlichkeit kein Wunder). So ist es beim Verständnis von dem, was wir unter bündischen Singen verstehen. 1992 hat der neue Organisationskreis für den Hamburger Singewettstreit lange die Themen „bündisches Singen“ und „Ziele des Hamburger Singewettstreites“ diskutiert; kein Wunder, die zehn Teilnehmer der Organisationskreises stammten aus sieben Bünden. Viele Abende lang haben wir untereinander gerungen, um zumindest unter uns eine Grundeinigkeit herzustellen.

Mit „bündischen Singen“ meine ich das Singen, was heute bündische Gruppen (nicht frühere bündische Gruppen, z.B. die der (sog.) bündischen Phase der Jugendbewegung, auch nicht die von 1963) typischer Weise tun. Mir ist dabei bewusst, wie problematisch das ist:
● Denn: Gibt es zur Zeit „Bünde“? Welche Gruppe, die sich selbst zur bündischen Jugend zählt ist als Bund zu bezeichnen? Nur deren Gesang kann dann auch als „bündisch“ bezeichnet werden.
● Nach Axi´s Verständnis müssen erst „wirkliche Bünde und deren Gruppen da sein, [ehe] aus denen solches [bündisches] Singen“ entstehen kann (vergl. eisbrecher, 1/1993, S. 12f).

Aufgrund fehlender allgemein anerkannter Kriterien (vergl. oben) kann hier nur nach dem eigenen Verständnis einer Gruppe gegangen werden. Also: Gemeint sind demnach alle Gruppen, die sich der heutigen bündischen Jugend zugehörig fühlen.

Durch diese sehr weite und offene Festlegung wird die Eingrenzung dessen, was sich heute unter bündischen Singen verstehen lässt, eher schwierig. Und noch ein zusätzlicher Grad der Schwierigkeit kommt dadurch zustande, dass nicht alles objektiv zu bewerten oder gar zu messen ist. Hier mein Versuch einer Definition dessen, was auf einen bündischen Singewettstreit unter bündischen Singen zu verstehen sein könnte:

(1)    Singen der ganzen Gruppe (ev. mit Passagen eines Vorsängers – aber kein Einzelgesang).

(2)    Singen, eventuell mit zurückhaltender, fahrtentauglicher Instrumentierung (Gesang steht im Vordergrund! Also: keine Show, kein Klamauk, keine wie auch immer geartete szenische Darbietung, auch keine Zurschaustellung von Personen).

(3)    Das Singen sollte die eigene Haltung wiederspiegeln (dort erwarte ich eine Fahrtengruppe, die das eigene Leben, die Fahrt usw. zum Thema hat).

(4)    Die Inhalte der Lieder sollten mit dem eigenen Gruppenleben zu tun haben (es kann auch die Sehnsucht nach Zielen hinter  dem „Horizont“ sein; aber: kein Nachsingen von Popsongs).

(5)    Das Herz der Sänger muss „mitsingen“, die Sänger geben sich hier öffentlich preis.

(6)    Text, Inhalt, Melodie und Form geben die Stimmung und das Lebensgefühl wieder.

Wenn wir uns unsere heutige Gesellschaft ansehen, dann können wir nicht darum herum: wir, die wir uns der bündischen Jugend zuzählen grenzen uns stark von der heutigen Konsum-, Medien-, Informations- und Reisegesellschaft ab. Dieses „Anders-Sein“ sollte eine bündische Gruppe beschäftigen und mit der Zeit auch prägen. Also ist eher eine Abgrenzung zur heutigen Gesellschaft als eine Teilhabe an dieser zu erwarten. Das sollte dann auch durch die Darbietung deutlich werden. Der bündische Grundkonsens auch der heutigen bündischen Gruppen stellt also eine Abgrenzung zur allgemeinen Gesellschaft dar. Die Ziele und die Werte bündischer Gruppen sind demnach andere, so können auch nicht die Lieder der Konsumgesellschaft auf einem bündischen Singewettstreit vorgetragen werden. Ein Popsong (vielleicht von Madonna) hat in der Regel nichts mit den Fahrten, den Zielen und der Gruppenwelt einer „wirklichen“ bündischen Gruppe gemeinsam.

Folgerungen: Unserer aller (der sog. Bündischen) Ziel sollte es sein, die in den letzten Jahren (ja schon mehr als einem Jahrzehnt) zu beobachtende Annäherung an allgemeine gesellschaftliche Trends, bzw. die Abnahme des (früher häufigen) typischen bündischen Stils auf überbündischen Singewettstreiten entgegen zu wirken. Was ist zu machen? Wo könnten wir verstärkend wirksam werden?

(1)    In den Gruppen, Stämmen und Bünden muss wieder mehr, ausdauernder und intensiver gesungen werden.

(2)    Gutes und anspruchsvolles Singen sollte vor allem auf Fahrten gepflegt werden. Am Feuer sollten wir über unser Selbstverständnis reden und nachdenken, ebenso wie die tiefgreifenden Gedanken sollten auch unsere Lieder uns tief im Herzen treffen.

(3)    Alles was in Richtung eine Nachäffens der oben erwähnten gesellschaftlichen Trends geht, sollten wir ablehnen.

(4)    Singewettstreite sollte zukünftig wieder mehr auffordern zum Singen (und nicht zur Show); auch die Zuhörer zum Mitsingen motivieren (nicht stets die Höchstleistung ist gefragt, sondern auch das grundsolide Singen).

(5)    Die Singewettstreite sollte sich auf wesentliche Elemente konzentrieren: Das Singen der Sippen, der Stämme und der Chöre. Andere Kategorien, insbesondere eine offene Kategorie laden vor allem dazu ein, sich vom bündischen Singen abzusetzen, verführen zur nicht erwünschten Show (auch wenn dies von den Veranstaltern nicht gewollt wird). Wenn Veranstalter etwas „Außergewöhnliches“ fordern, tendiert das Außergewöhnliche bei (vermeintlich) Bündischen zur Anbiederung an die allgemeine Gesellschaft.

(6)    Die Veranstalter sollten vor allem Sippen und Stämme zur Darbietung auf die Bühne lassen, nur wenige Chöre und damit fast keine Singegruppen von Älteren. Wir Älteren sollten die Bühne den jungen Sippen und Stämme gerne überlassen. Wenn wir früher schon auf der Bühne gestanden haben freuen wir uns darüber, dass jüngere nach uns kommen, wenn wir es früher nicht auf die Bühne geschafft habe, dann sollten wir nicht heute den uns Nachfolgenden den Platz auf der Bühne versperren.

 

Anmerkung: Der Artikel wurde geschrieben für die Festschrift „25 Jahre Hamburger Singewettstreit“; dort ist eine Kurzfassung erschienen.

Wolf war in den Jahren 1992 bis 1995 Sprecher des Vorbereitungskreises des Hamburger Singewettstreites.